Maloche Unter Tage

Oppa und Vatta machten diese Arbeit

Steinkohle Bergbau im Ruhrgebiet

Bergmann unter Tage: Der Hauer vor Ort am Flöz

Als ich 1984 meinen Vater fragte, was er mir zur Berufswahl und Lehrstellensuche sagen könne, war die Antwort:

"Mach was Du willst, aber gehst Du auf den Pütt, schlag ich Dich tot"

Damit er mich nicht tot schlagen musste, tat er etwas, worüber ich äußerst überrascht war:

Er schenkte mir zu Weihnachten meinen ersten Computer:
Einen C-64 mit Floppy-Laufwerk.
Kostete damals zusammen 1000,- DM

Später schenkte er mir nochmal einen Computer:
Den allerersten Aldi-PC für die Uni und Vorbereitung aufs Arbeitsleben.
Er verlangte dafür meinen PowerMac.
Und das war gut so:
Übungen für Zwei Semester Programmierkurs C++ und Java
Autodidaktisches Einarbeiten in Linux
Und dann tatsächlich ein gelungener Absprung in die Industrie

Und einen 50er Roller: Meine ersten Zwei Jahre in der Industrie nach der Uni war offiziell noch eine Umschulung zum Fachinformatiker. Dort in Bayern fuhr ich jeden Morgen von Aschaffenburg Dalberg nach Großwallstadt über die Landstraße 40km und Abends 40km zurück. Bei Wind und Wetter in allen Jahreszeiten. Ein zuverlässiger 50er Roller machte das möglich.

Warum nicht auf den Pütt?

Mein Opa Gustav Schiller lebte schon im Ruhrgebiet als Oma, Mutter und Tante in den 1930er dazu zogen. Er war Hauer auf Ickern I/II in Ickern-End im heutigen Castrop-Rauxel bei Dortmund Mengede.
Das damals "Rote Ickern" ist noch eine ganze Geschichte für sich. Eine die mit meinem jetzigen Wohnort mehr zu tuen hat: Dem ehemals "Roten Wedding" in Berlin und Moabit.

Aber:

Mein Vater stammt aus einer absolut traumhaft schönen und idyllischen Gegend:
Den Auen im Tal der Elbe zwischen Niedersachsen und Mecklemburg-Vorpommern.

Und nochmal aber:

Wir stammen eiegntlich aus einer der mittlerweile reichsten Familien Deutschlands. Ich sag nur Budni, Bundnikowski und Edeka.
Aber irgendwas muss Ende des 19-ten Jahrhunderts seltsam gelaufen sein, dass mit Opa ein Familienname dort an das sehr abgelegene Idyll an der Elbe kam. Eine Gegend so abgelegen, dass man sich gut verstecken kann.
Ein Name der zwischen Hamburg und Bremen zu Hause ist und sprachlich im Land der Freien: Gott schuf das Meer und der Friese die Küste.
Ein öh das man sehr kurz auspricht, und sich auch wie Wöllllke und nicht Wöööööölke ausgesprichen wird, gibt es meines Wissens in der deutschen Sprache nicht, wohl aber in den Nord-Europäischen wie Friesisch, Dänisch usw. In Skandinavien gibt es sogar eingene Buchstaben dafür.

Und jetzt erst richtig aber:

Mein Vater

hat in seinem regionalen, zeitlich-hirstorischen und familiären Kontext eine absolut priviligierte Bildung - Berufsausbildung bekommen:

Er war in den 1940er Nachkriegsjahren in der wichtigsten der Stadt der Deutschen Hanse in Lüneburg bei einem renommierten Handwerksmeister in der Lehre. Für die Lehre mit Kost und Logis, das Lehrgeld sowie Werkzeug und Arbeitskleidung musste die Familie meines Vater einen enormen finanziellen Beitrag stemmen. Und mein Vater wurde - auch wegen seines Handwerklichen Talents - und seines hellen und wachen Geist so ausgebildet, dass er selbst später als Meister einen Handwerksbetrieb besitzen und leiten würde.
Mein Opa war Kriegsinvalide aus dem ersten Weltkrieg. Meine Familie war im Dorf schon recht wohlhabend aber verfügte mehr über materielle Güter als über Bargeld.
Die Bundesrepublik war noch nciht gegründet, in der britischen Zone und ein paar hundert Meter weiter in der Sowjet-Russischen Zone wusste keiner wie es weiter geht.
Mein Vater war der einzige von 11 Geschwistern, der solche Bildungs-Privillegien genießen konnte.
In der heutigen Zeit so Kreuzberg und Prenzlauer Berg wäre seine Ausbildung ein Auslandsstudium an einer Privat-Universität.

Und dann kam Mama.

Sie musste weg aus dem Ruhrgebiet. Nach dem Krieg herrschte dort Hunger.
Die Kalorien auf den Lebensmittelkarten waren nur 1/4 des Tagesbedarf von Bergmännern wie Opa.
Also ab aufs Land, n bisschen jobben und was zu Essen bekommen. Mutter arbeitet im Gasthaus. Vatter lernt sie dort kennen rumms. Romantik. Als Mutter zurück war im Ruhrgebiet klingelt es an der Tür. Da steht Vatter und macht ihr einen Heiratsantrag. - Es wurde geheiratet. Vater brauchte Arbeit. ... Und ging mit Schwiegerpapa unter Tage: Harte Arbeit - Hartes Geld. Da gab es dann die D-Mark. Steile Lage im Akkord: Der Streb fast Senkrecht, auf einem Stempel sitzen, die Kohle über Kopf und dann mit dem Presslufthammer - gib ihm. Akkord wurde nach Tonnen bezahlt. .... Schönen Gruß an den Schauspieler Adolf Hennecke. ... Vatter hat dann Unter Tage noch vier weitere Berufsausbildungen gemacht, hat also fünf Berufsabschlüsse.

Schwager

war Handwerksgeselle. Richtig geiler Beruf. Auch er konnte vom Gesellenlohn nicht seine Familie ernähren. Also ab auf die Chemie-Fabrik. Es hat viele Jahre gedauert, bis er sich auf eine erträgliche und interessante Arbeitsstellle hoch malocht hat.

Bruder

genauso: Top Ausbildung. Gute Arbeit. Dann  Bundeswehr - und dann die Montan-Implosion auch im Ruhrgebiet. Ian Curtis im Radio stattt Abba und Boney M. Und Massenarbeitslosigkeit. Bruder hat einen coolen Job gemacht. Aber nicht in seinem Beruf, wieviel Geld er dafür bekommen hat, weiß ich auch nicht. Er ist Kommunikations-Elektroniker und hat in seiner Ausbilldung eine Menge Dinge gelernt, die ich von der Uni kannte. Ein Beruf, der dem Dipl.Ing. FH gleich gestellt ist. Er war lange Jahre Schichtleiter in der zentralen Robotor-Straße bei NOKIA.

Und ich?

Als Arbeiterkind mit ADS and der Uni? Abitur mit 1,3, Stipendium und Ideales Kontakte-Netzwerk:

Dass ich abgebrochen habe, lag nicht primär daran, dass ein hastiger Oberarzt mir zum Kurpfuscher wurde und mit seinem Kunstfehler mir viele sehr unangenehme Jahre einbrachte.

Nein, sowohl meine Chefin am Lehrstuhl für Nichtlinineare Atom- und Plasmaphysik (Kernfusion et al) als auch mein Professor in der Informatik-Vordiplom Prüfung gaben mir wohlwollende und weise Tips in Sachen Berufsweg, die sich im Endeffekt als richtig herausstellten: Trotz formal "niedriger" Ausbildung zum Fachinformatiker statt zum Dr.Ing. in Ingenieur-Informatik habe ich beruflich alles machen können, was ich seit der Schulzeit vor hatte und das Studium war nur der Weg wie ich dahin käme. Ich wusste schon in der 12. Klasse, dass ich Software-Architekt werden wollte - was ich dann auch wurde. Und nadh Süddeutschland wollte ich auch immer... Hab ich auch gemacht. Ich hab sogar ne Weile in Fankfurt am Main gewohnt.

Und ich hab die Erfahrung gesammelt wenn man in den alten AEG-Gebäuden eine Woche Workshop mit den Berliner Kollegen der PSI AG macht und dann vom mickrigen Provinzflughafen Tegel aus dieser schrecklichen und abgrundtief hässlichen Stadt zurück nach Hause fliegen kann und im Landeanflug die im Abendlicht leuchtenende Skyline von Mainhatten sehen und auf einem anständigen Fluhafen von Weltstadt-Niveau landen kann. Und mit der U-Bahn in nur 30min in der Wohnung ist.

Ok Berlin war ein Totalschaden:

Im Vergleich zu den zehn Jahren davor war schon zu Beginn das Arbeiten bei und für ImmobilienScout ein extremer Abstieg.
Und es war zu der Zeit auch Arbeitsbedingungen dort am Ostbahnhof, dass ich niemandem empfehlen kann, sich da als Software-Entwickler zu bewerben. Ich habe vorher viele extrem harte Projekte erfolgreich gestemmt. Aber das waren interessante Großprojekte, mit interessanten Aufgaben und interessanten Menschen, mit denen ich zusammen in einer ganz anderen Liga gearbeitet habe als der fachlich und menschlich runter gekommene Unrat von gescheiterten und abgehalfterten Accidenture-Freaks.

Top 3 der schrecklichsten Arbeitgeber in meinem CV:

Platz 3:

Die Arbeit bei Luck Baubetriebe in Castrop-Rauxel war super-scheiße - der Geschäftsführer ging sogar wegen seiner Geschäftspraktiken für neun Monate in den Knast.
Aber: Man sieht sich immer zweimal im Leben
Und das Wiedersehen war für eine herrliche Genugtuung:
Der Typ mit dem ich in dieser Baufirma meinen Ärger hatte, war Schwiegersohn des Typs der in den Knast gewandert war. Sein Sohn wiederum hat drei Jahre lang mit mir zusammen Abi gemacht. Und in der Abschlusssnote stand eine andere Zahl vor dem Komma als bei mir. Meine Note war 1,3 ... Und als ich den Vater meines Abi Kollegen auf unserer offiziellen Abifeier wieder sah, grinste ich nur. Und zwar genau das wissende Grinsen, das schon ganz andere Kaliber verstört hat:
Mir war die Zeit in dem Baustellenpraktikum mittlerweile egal, denn an dem Abend wurde mir wegen meines Stipendiums von meinem Schulleiter die spätere Oberbürgermeisterin von Bochum vorgestellt.

Platz 2:

Die Aktien-Entwicklung der PSI AG kann man ja auch verfolgen. Die markigen Zitate und das Hauptwerk des Projekt-Management "The Art of War - Sun Tzu" habe ich von Dr.Manfred Eichner. Der hat den großen Lastverteiler in Brauweiler bei Köln gebaut, falls sich jemand für Energiewende und Stromnetze interessiert.
In der Dirksenstraße in Berlin zwischen den S-Bahnhöfen Hackescher Markt und Alexanderplatz ist im Eingang ein großes Poster zu sehen, das ein PSI Leitsystem auf unserer Präsentations- und Testanlage im Boschweg in Aschaffenburg. Auf dem Roten Stuhl habe ich meine eigene Software für PSI Command getestet.
Und das ab und zu zusammen mit Adam Bien, der als Java EE Berater unser Projekt begleitet hat und an unserem Hochverfügbarkeits-UNiX-Cluster sein JBoss-Cluster angeschlossen hat.

Platz 1: Der Spitzenreiter

Noch nie seit 1984 habe so beschissene Arbeitsbedingen gehabt, wie als Software-Entwickler für die Abteilungen Baufinanzierung, Immobilienbewertung und Maklermanager Middleware bei ImmobilienScout24. Und auch noch nie hat ein Arbeitgeber oder Kunde sich so dermaßen vernichtetnd und extrem Respektlos verhalten. Und noch nie hatte das solche extrem gravierenden Folgen für mein Privatleben zuvor hin nehmen müssen als die Deppenkom-Enkeltochter am Ostbahnhof Berlin und die kleine Autistenbude in dem versifften Haus in Lünen bei Dortmund. Einer der ganz super dollen Kollegen, ein BWLer mit JavaScript Kenntnissen hatte ein Poster an der Wand "Master of Mobbing" ... und fand das auch noch witzig. Eine sehr humorlose Varante von Sheldon Cooper hatte "80h/w - Thats my League" an der Wand hängen. Die deutlichste Warnung hätte mir sein müssen, dass ich da noch den Klassiker von Edward Yourdon im Bücherregal fand: "Death March - The Software Developers Guide to survive Mission Impossible Project".
Das was da am Willy-Brandschutz Flughafen in Berlin passierte war die Personalführungs- und Projekt-Management Kunst, die ich auch von der ImmobilienBude am Ostbahnhof kenne.
Und was da die SCRUM-Einführung durch Boris Gloger gebracht hat?
Nunja: "kapieren statt kopieren" und "a fool with a tool is still a fool" und "none of us is as dumb as all of us". Oder wie der geniale aber leider schon verstorbene Cartoonist Randy Glasbergen sagte: "Im Büro sind wir alle eine große Familie - eine dysfunktionale Familie".

Fazit:

Wie sang Rudi Ratzinger noch so schön in der herrlich zu Berlin Mitte passenden CD "Music for a slaughtering Tribe"?

"Don't look back in Anger - You're not the Only One"

Aber wie sagte Dr. Eichner vom PSI EE gerne?

"Man sieht sich zweimal im Leben"

Und wie sagte mein Pfarrer Sonntags und Mutter alltags:

"Gnade Euch Gott"

Ich bin kein Fan von Auge um Auge.
Aber ich bin auch kein Fan von billiger Gnade.
Wem dieser Text nicht gefällt, kann ja gerne nochmal im Buch "Das Harvard Konzept" die Sache mit den zwei Schwestern und der Orange nach lesen.